WIE HUNDE GEDENKEN – GEDANKEN VOM NIEDERRHEIN

liebe freundin_nen und freunde der künste,

ja, ich streife gerne durch die städte, in denen ich lebe und arbeite. in arbeitspausen spüre ich gern den menschen nach, denjenigen, die jetzt leben, und jenen die vor uns da waren.

ok. mitten in der flaniermeile, unweit der musikschule, gibt es einen gedenkstein. hier war das jüdische waisenhaus gewesen, seit 1885 bis zur auslöschung durch die nazis. heute erinnert ein kubus mit zwei broncetafeln an diesen sachverhalt. frontal sehen wir die inschrift auf hebräisch, top view ist dann die deutsche übersetzung lesbar.

ansonsten handelt es sich um einen etwa kniehohen störenden betonklotz in der fußgängerzone.

wir schauen also herunter auf die gedenktafel. das haupt muß sich neigen, um den text lesen zu können. oft stören ausgedrückte zigaretten, müll und andere verschmutzungen den anblick, gelegentlich wird die bronce gereinigt.

würden wir vor der skulptur in die knie gehen, könnten wir die hebräische inschrift betrachten. sie ist fast ganz frei von verschmutzungen, einige regenspuren sind sichtbar.

aber wer macht das schon: in die knie gehen, um aus neugier etwas zu lesen ? sich womöglich dem dreck der strasse nähern, um zu lesen was da steht ? auf hebräisch ?

ich empfehle es: gehen sie mal runter. lesen sie es, oder betrachten sie es. „es“ ist die erinnerung an die ermordeten. versteckt, oder klug positioniert… wie würden sie urteilen ?

oben drauf, auf dem betonklotz ist die deutsche übersetzung. die wird offenbar nie gelesen, oder warum werden dann die müllreste hinterlassen, die kippen ausgedrückt ? weil es nicht mehr brennt ?

das hatte es ja schon.

wie sollten also denkmale zu diesem thema aussehen ? sehen wir zu boden, ist es einigen eine herabwürdigung. das „nach unten“ blicken erniedrige die denkmalssubstanz. nun, bei einem kniehohen denkmal blicke ich ebenfalls nach untern, und mein haupt ist gesenkt. ist das etwas weniger erniedrigend ? weil ein betonklotz kniehoch ist ?

hier im beispiel kann ich hebräisch nur lesen, wenn ich in die knie gehe. ich mache aber keine rituellen kniebeugen. allerdings ist das verwandt: indem ich mich klein mache, erkenne ich erst das original. ich erniedrige mich dabei nicht besonders: ich sehe die menschen, wie sie – im falle dieser gedenksituation – in etwa waren. sie waren waisen, juden, und sprachen deutsch, jiddisch, hebräisch. vielleicht russisch. oder eher nederlands. oder so. jetzt erst, unten, sehe ich sie. da wo sie waren.

sind also bodenebene denkmale oder augenhohliche denkmale besser ?  ich weiß es nicht genau. schaue ich nach unten, heißt es, das andenken selber werde erniedrigt. gehe ich in die knie , ists manchen vielleicht zu katholisch, oder gar freikirchlich. beseitige ich den schmutz auf den oft diskutierten stolperstein- ebenbodendenkmalen, rühre ich in der vergangenheit und bin einer von denen.

danke für das kompliment.

und was ist mit den kippen auf dem kniehohen denkmal ? ist es vor verrohung besser geschützt? wohl kaum. oder was ist mit den stelen, die vielerorts von mehr amtlichen kommissionen als beste lösung gecastet wurden? kleben da nie kaugumis dran ? auch wenn alle nach oben schauen ?

oder ist es keine kunst, wenn menschen nach unten schauen, weils dann runter geht , oder nach oben geht, wenn diese blickrichtung gewählt wurde, ist das dann automatisch des himmels ?

oder wo mensch einfach nur drauftreten könnte, ist das bewußte nichtdrauftreten dann egal ?

ich erlebe es häufiger, wen ich mich bücke, um stolperteine zu betrachten, oder eben im genannten beispiel hebräisch zu lesen, daß viele leute staunen: was macht der, was ist da. erst dann sehen die menschen vieles, was schon lange da war. es lohnt.

erinnern  gelingt nicht nur aus verwalterischem stolz heraus. die ahnungslosen menschen müssen ein gefühl erleben. sonst sind alle seelen verloren. weil niemand sie mehr spürt. da kann der blick nach unten sehr hilfreich sein.

aus der sicht der hunde ist das viel einfacher: sie markieren ihr gebiet. der angepinkelte betonklotz zeigt: hier war ich, es ist mein bereich,  es gehört zu mir. alles.

m.e.z.

m_dins1m_dins2m_dins3

 

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